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Sehen im Wandel der Zeit

aus Die neue Perspektive von P.A. Walter

"Wenn der Himmel sich über uns zu einer Kuppel formt, die Erde sich jedoch gleichmäßig eben vor uns erstreckt, so gibt es als Erklärung nur eine Möglichkeit: Wir sehen die Welt, wie sie eigentlich nicht ist, unsere Wahrnehmung verändert die tatsächliche  Realität...

...Sehen funktioniert nur mit Hilfe der Verkleinerung. Diese setzt sich vom Standpunkt aus kugelförmig in den Raum fort. Durch diesen räumlichen Aufbau wird die daraus resultierende Perspektive entscheidend geprägt.

...Selbstverständlich sehen wir nur ein Bild, doch ist dies eine Kombination beider Augenbilder und kann daher überhaupt nicht mit einem Bild verglichen werden, das nur durch einen Standort und eine Perspektive entstanden ist. Obwohl immer derselbe Sachverhalt aufgenommen wird, sehen wir ein Bild, das entscheidend durch die unterschiedlichen Perspektiven beider Augen gekennzeichnet wird.

Albrecht Dürer schreibt in seiner Unterweysung der Messung "Man hat bisher in unseren deutschen Landen viel geschickter Jungen zu der Kunst der Malerei getan, die man ... allein aus einem täglichen Brauch gelehrt hat. ... Wiewohl Etliche von ihnen durch stetige Übung eine freie Hand erlangt, also dass sie ihr Werk gewaltig, aber unbedächtig und allein nach ihrem Wohlgefallen gemalt haben. Als aber die verständigen Maler und rechten Künstler solch ein unbesonnenes Werk gesehen, haben sie, und nicht unbillig, dieser Leute Blindheit gelacht, der weil für einen rechten Verstand nichts unangenehmer zu sehen ist als Falschheit im Gemälde, ... . Dass aber solche Maler Wohlgefallen in ihren Irrtum gehabt, ist allein Ursache gewesen, dass sie die Kunst der Messung nicht gelernt haben, ohne die kein rechter Werkmann werden oder sein kann; das aber ist ihrer Meister Schuld gewesen, die solche Kunst selbst nicht gekonnt haben." Albrecht Dürer, Unterweysung der Messung, Nürnberg 1525, Lange und Fuhse, Dürers schriftlicher Nachlaß, Halle a. d. Saale 1893, S.180f Mit der Kunst der Messung sind wohl jene Instrumente gemeint, die der Leser  von den Holzschnitten der damaligen Zeit kennt und mit deren Hilfe der Maler genötigt wurde, wirklich nur von einem Punkt aus die Umgebung zu betrachten: Auf einem kleinen in Koordinaten unterteilten Fenster konnte  sich der Zeichner die genaue perpektivische Anordnung abmessen und auf gleiche Stellen des Bildes übertragen.

Leone Battista Albertis   schreibt in della pittura: "Um aber nicht Zeit und Mühe zu verlieren, hat man die Gewohnheit einiger Toren zu fliehen, die, pochend auf ihre Begabung, nur aus sich selbst heraus den Ruhm des Malers zu erwerben streben, ganz ohne ein Naturvorbild, dem sie mit Aug' und Geist nachfolgen würden. Diese lernen es niemals, gut zu malen, sondern gewöhnen sich an ihre eigenen Fehler

Die dabei zu grunde gelegte Annahme vom Bild als einem Fenster erklärt Alberti wie folgt: "Ein Bild entspricht einem Schnitt durch die Sehpyramide in einer gewissen Distanz mit einem festgelegten Zentrum und einer gewissen Lichtverteilung, die auf einer gegebenen Oberfläche mit Linien und Farbe nachgezeichnet wird.... Um zu erklären, wie ich beim Malen vorgehe: zu allererst zeichne ich ein Rechteck von beliebiger Größe auf der Malfläche, und ich betrachte dieses als ein offenes Fenster, durch das das Motiv, das ich malen will, gesehen wird." Leone Battista Alberti, della pittura , 1435, S. 151

Augustinus (Confessiones X,34)  erkennt an, dass die Kunst ein Schönes zur Anschauung bringe,  das - weit entfernt, nur den Naturgegenständen anzuhaften und nur durch deren Nachahmung in die Kunstwerke eingehen zu können - vielmehr  im Geiste des Künstlers selber wohne und unmittelbar von hier aus in den Stoff übertragen werde; allein auch für ihn ist dieses Sichtbar- Schöne nur ein schwaches Gleichnis des Unsichtbaren, und die Bewunderung der schönen Einzelgestalten, die der kunstreiche Meister in seiner Seele getragen und gleichsam als ein Mittler zwischen Gott und der Welt der Materie, in seinem Werk sichtbar gemacht hat, führt ihn darüber  hinaus zur Anbetung der einen grossen Schönheit, die über den Seelen ist. " Zitiert bei Erwin Panofsky, Idea, Hamburg 1924, S. 17f

Leonardo da Vinci , Trattato Nr. 411: "Das jenige Bild ist das lobenswerteste, das die meiste Ähnlichkeit mit der wiedergegebenen Sache hat,..."

Thomas von Aquino zum Ausdruck, er schreibt: "Die Kunst imitiert nicht, was die Natur schafft, sondern sie arbeitet nach dem gleichen Prinzip, wie die Natur schafft." Thomas v. Aquino, Phys. II, 4 (Fretté-Maré XXII, S.348)

..."

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